In freundschaftlicher Zusammenarbeit mit

Interview mit der Komponistin Claudia Montero

Ihre Komposition »Vientos del sur« entstand im Auftrag des Royal Liverpool Philharmonic Orchestra und der Münchner Philharmoniker. Was waren Ihre ersten Schritte?

Ich hatte einige Vorgaben, wie die Länge von 22 Minuten, die Besetzung des Orchesters und dass es ein Konzert für Orchester und Akkordeon sein soll. Wenn ich ein neues Werk komponiere, beginne ich damit, die Instrumente zu studieren und ihre Charakteristika kennenzulernen. Vor allem wollte ich herausfinden, was man auf dem Akkordeon alles spielen kann und welchen Klangumfang es hat. Ksenija Sidorova war mir dabei eine große Hilfe, das Akkordeon im Detail kennenzulernen. Danach lege ich für mich fest, welche Form, welchen Stil und welchen Charakter das Werk haben soll, und dann beginne ich kleine Ideen auszuarbeiten und zu überlegen, ob und wie sich das musikalisch umsetzen lässt.

»Vientos del sur« bedeutet »Winde des Südens«. Wie kamen Sie darauf, was hat Sie inspiriert?

Ich habe mich an meine Heimatstadt Buenos Aires erinnert. An die Klänge, die Rhythmen, die Gefühle, die Menschen, die volkstümliche Musik Argentiniens, wie den Tango – daher »Süden«. Das Akkordeon erinnert mich an das Bandoneon, das dem Akkordeon sehr ähnlich und typisch für den Tango ist. Beide Instrumente sind »Windinstrumente«, da sie mit Luft zum Klingen gebracht werden. So ergab sich für mich der Titel »Winde des Südens«.

Wie würden Sie Ihren Kompositionsstil beschreiben?

Argentinisch und klassisch. Ich mag Kontraste – in der Rhythmik, der melodischen Verarbeitung oder den Tempi. Typisch für die argentinische Musik sind Takt-Wechsel, diese Rhythmik-Veränderungen begegnen einem beispielsweise im Tango. Und klassisch – ich schreibe alle meine Kompositionen per Hand, lege besonderen Wert auf klassische Formen und Strukturen, wie die Variationsform, und bevorzuge Kompositionen für Standardbesetzungen. Am liebsten komponiere ich für Saiteninstrumente, wie die Violine oder die Gitarre.

Gab es Frustrationsmomente während des Komponierens?

Ja, immer wieder, vor allem wenn ich musikalisch nicht sofort gefunden habe, was ich gesucht habe... Ich habe drei Versionen vom zweiten Satz komponiert und letztlich dann doch die erste Version genommen. Und dann war da noch die Grammy-Verleihung… Das Werk sollte im November abgegeben werden und im November habe ich zwei lateinamerikanische Grammys bekommen. Mir blieben noch zwei Wochen bis zur Abgabe, aber ich bekam so viele Anrufe und Interviewanfragen, dass ich mich nicht konzentrieren konnte und deshalb die Komposition verspätet abgegeben habe… Das hat mir aber zum Glück niemand übelgenommen.

Wie haben Sie sich motiviert, an Ihrer Komposition weiterzuarbeiten?

Bei jeder kreativen Arbeit muss man direkt mit seiner Arbeit verbunden sein. Wenn ich komponiere, nehme ich mir nur Zeit, um zu essen oder zu schlafen. Teilweise musste ich mich regelrecht einsperren, um an dem Werk weiterzuarbeiten. Es ist wichtig, dass ich meinen Fokus und meine Balance nach einer Frustration oder Unterbrechung wiederfinde, um weiterarbeiten zu können.

Wie lange hat es insgesamt gedauert, bis Sie »Vientos del sur« fertiggestellt haben?

Insgesamt habe ich fast fünf Monate gebraucht, bis das Werk fertig war. Sobald ich weiß, was ich musikalisch will, geht es mit dem Komponieren recht schnell.

Wie war es für Sie, ihr eigenes Werk zum ersten Mal live zu hören?

Im ersten Moment bin ich fasziniert, ergriffen und voller Freude, wenn ich die Musik, die in meinem Kopf erfunden wurde, tatsächlich mit echten Instrumenten live höre. Im zweiten Moment höre ich konkreter hin, fokussiere mich auf Details, schaue ob die Register gut sind, die Tempi so gespielt werden, wie ich mir das vorgestellt habe, und ob musikalisch das ankommt, was ich rüberbringen wollte.

Was erwartet das Publikum?
Gleich am Anfang des Werkes sind die Winde des Südens schon zu hören, durch den sich öffnenden und schließenden Blasebalg des Akkordeons. Dann möchte ich das Publikum einladen in meine Heimatstadt Buenos Aires, das Schöne und Geheimnisvolle der Stadt kennenzulernen und sich von der Musik, den Winden des Südens, treiben zu lassen.


Das Interview führten Elisa Feser, Gesa Wolf und Rafael Gavilanes Marion Lutsch im Frühjahr 2020 im Rahmen des Projekts „Programmheftgestaltung“ von Spielfeld Klassik in Kooperation mit dem Institut für Musikwissenschaft der LMU München.