In freundschaftlicher Zusammenarbeit mit

Philharmoniker in Uganda

Im Sommer 2014 startete eine Kooperation der Münchner Philharmoniker mit der Kampala Music School in Uganda. Zum ersten Mal reisten drei Mitglieder des Orchesters in die ugandische Hauptstadt Kampala, um dort mit Kindern und Musikern der Musikschule in Workshops zu arbeiten, gemeinsam zu musizieren und Konzerte zu geben. Zum Reise-Blog >>>

Traudel Reich (Violine), Shengni Guo (Kontrabass) und Maria Teiwes (Horn) sind die ersten Vertreter des Orchesters vor Ort. Die Kampala Music School wurde 2001 gegründet und ist im Laufe der Jahre zum Zentrum für klassische Musik und Jazz geworden. Hier lernen Schüler aller Altersstufen mit den unterschiedlichsten sozialen Hintergründen.

Im Frühjahr 2012 wurde der Verein »Empologoma e.V.« von Jutta Sistemich, ehemalige Mitarbeiterin im Spielfeld Klassik, gegründet, der Kinder in Uganda unterstützt. Von ihr stammt auch die Idee zur Kooperation.

Bildergalerie

Reise-Blog

25_07_2014

Nach etwa 24 Stunden Reise sind wir erschöpft aber voller Tatendrang in Kampala angekommen. Auf einem ersten Spaziergang konnten wir schon wichtige Grundlagen beobachten: in Kampala braucht man Geduld, Erfindungsreichtum und Hartnäckigkeit – dann klappt fast alles. Wir wurden sehr freundlich empfangen und haben auch gleich mit den ersten Proben begonnen: erst Stimmproben, dann mit dem ganzen Orchester. Wir sind gespannt – noch eine Woche bis zum Konzert!

26_07_2014

Am Abend des 26. Juli dirigiert Fred, Leiter der Musikschule Kampala, die erste Orchesterprobe – auf dem Pult vor ihm ein Ipad mit der Partitur zu Mendelssohns ›Hebriden‹. Noch ist die Besetzung nicht komplett: ein Geiger hat Malaria, ein anderer auf dem Weg einen – zum Glück glimpflichen – Motorradunfall. Die ›Boda-Boda‹ Motorradtaxis sind schnell und günstig, haben aber oft Unfälle.

Andere Musiker haben 3 Stunden Anreise zu dieser Probe auf sich genommenen. Ab Montag kommen extra Musiker aus Kenia, um mit uns im Orchester zu spielen. Die Gegensätze sind klar und das Musikverständnis wird genauso – aber das macht es ja so spannend! Die Stimmproben haben schon viel gebracht und auch in der Orchesterprobe stehen Traudel, Shengni und Maria ihre Pultnachbarn mit Rat und Tat zur Seite.

Fred ist hier nicht nur Chef und Dirigent. Er scheint sich um alles zu kümmern – stets mit Ruhe und Gelassenheit und viel Humor.  Als Mendelssohn etwas entgleitet stoppt er die Probe mit dem Kommentar: ›let's see why Mendelssohn moved to Schönberg‹.

27_07_2014

Heute traf erstmals afrikanische Musik auf ›unsere‹ klassische: wir haben mit den Instrumenten das Sunrise Home of Kampala besucht und wurden von allen mit überwältigender Herzlichkeit empfangen. Auf uns wartete eine großartige Tanz- und Musikvorführung, bei der wir auch zum Mittanzen motiviert wurden. Es war für uns alle ein Erlebnis, das wir nicht vergessen werden. Schließlich wurden auch die Philharmoniker-Instrumente vorgestellt und es gab sofort erste Anmeldungen für Instrumentalunterricht!

28_07_2014 – Feiertag in Uganda

Die Proben laufen trotz Feiertag, schließlich haben die meisten heute mehr Zeit. Und wir werden positiv überrascht: nachdem die ersten Proben von Unpünktlichkeit, Handyklingeln und Schüchternheit erschwert wurden, ist etwas passiert: (fast) alle sind pünktlich – und das nach ›german time‹, nicht nach ›afrikanischer‹ Zeitdefinition. Aber das Wichtigste: alle sind sehr motiviert und spielen sich erstmals eigenständig ein. Viele vereinbaren mit Traudel, Shengni und Maria Stunden zur Verbesserung ihrer Spieltechnik. Der einzige Hornist im Orchester (neben Maria) gesteht, dass er nie richtig Unterricht hatte und sich das Meiste selbst beigebracht hat: wie das geht? ›it`s passion‹ erklärt er.

Es freut uns sehr zu sehen wie das Eis schmilzt. Man hört, dass seit den letzten Proben geübt wurde und die Atmosphäre ist gelöst und konzentriert. Anstrengend bleibt es dennoch, denn nach den Vormittagsproben für das ›Forellen Quintett‹ und ein weiteres Quartett, das die Schüler gerne spielen wollten, geht es mit Brahms' Horntrio und Orchesterproben bis 21.30 Uhr weiter.

Ein langer Tag, v.a. für Traudel Reich, die als Geigerin in allen Ensembles spielt und Nicolas aus Kampala, den einzigen Bratschisten! Das Orchester hat sich etwas vergrößert, die Besetzung bleibt afrikanisch improvisiert: 3. Horn spielt ein Saxophon, 2 Posaunen die 2. Fagottstimme. Oboe und 1. Fagott konnten nicht kommen. Diesmal wird der 3. Satz aus Schumanns Klavierkonzert, Tschaikowskys ›Dornröschen-Walzer‹ und die ›Wilhelm Tell‹-Ouvertüre von Rossini geprobt.

Shengni hat auf dem Markt ein traditionelles Instrument, das Adungo erstanden – nun braucht sie nur noch einen Lehrer..... Und wir danken unserem Kollegen Uli Zeller für die Bass-Saiten! Sie klingen nun am Bass der Kampala Music School.

29_07_2014

Inzwischen haben wir uns ganz gut eingelebt,  trotzdem bleibt es schwierig, sich in Kampala zu orientieren. Viele Straßen haben keine Namen und Stadtpläne sind rar, sehr unterschiedlich und meist wenig hilfreich.

Auf einem Spaziergang durch ein Marktviertel sammeln wir tolle Eindrücke des alltäglichen Lebens hier. Sobald wir entdeckt werden verbreitet sich der Ruf ›Muzungo!‹ - ›Weiße!‹ - aber alle sind freundlich und neugierig, so wie wir.

Nachmittags besuchen wir das MLISADA, ein Heim für Straßenkinder, die dort neben Sicherheit und Gemeinschaft ein ehrgeiziges Educationangebot nutzen. Unterricht findet v.a. in Akrobatik und Musik statt. Heute spielt die Brass Band für uns – und zwar richtig gut!

Danach stellt Maria ihr Instrument vor und hat gleich zig Interessenten, die gerne Horn lernen würden. Neben der Brass Band gibt es hier seit einigen Monaten nun auch ein paar Mädchen, die Geige lernen. Also ist auch der Einsatz von Traudel gefragt! Im Übungsheft stehen statt Noten Zahlen für die Fingersätze und die Wiederholungen. Die Augen strahlen und am Ende des Besuchs können alle gemeinsam ein neues Stück.

30_07_2014

Am Morgen des 30. Juli starten wir gemeinsam mit Fred, dem Leiter der Musikschule, zum Schulbesuch in St. Mary Kevin. Die Leiterin der Schule führt uns durch alle Klassenräume, in denen rund 200 Schülerinnen und Schüler zwischen 4 und 14 Jahren unterrichtet werden. Es gibt kaum Schulbücher, weshalb an den Wänden der Klassenzimmer dicht an dicht selbst gemalte Schaubilder hängen. Das Alter in den Klassen ist sehr unterschiedlich, da viele Kinder erst spät eine Schulbildung ermöglicht bekommen. Die meisten von ihnen schlafen und wohnen auch dort in der Schule. Ähnlich wie in den Kinderheimen stehen zig Stockbetten eng gedrängt. Ein extra Gebäude mit Feuerstelle dient als Küche, in der für alle 200 Personen Maisbrei in einem riesigen Topf gekocht wird. Am Ende der Besichtigung besuchen wir die mit Hilfe der Kampala Music School verwirklichte Violinklasse.

Draußen im Hof der Schule werden wir dann bereits erwartet: der Schulchor hat ein Lied vorbereitet und Traudel, Shengni und Maria beantworten die musikalische Geste mit kurzen Stücken auf ihren Instrumenten. Die Kinder schreiben ihre Namen auf unsere Hände und Arme und wir werden so mit Fragen bestürmt, dass wir viel zu spät zum nächsten Besuch aufbrechen. Sie helfen noch, den Kontrabass ins Auto zu laden und dann geht es weiter. Zeit zum Mittagessen bleibt nur während der Autofahrt.

Die zweite Einrichtung, die wir an diesem Tag besuchen, heißt ›save the street children‹. Allein die Anreise ist abenteuerlich: immer wieder wird per Telefon eine Wegbeschreibung ausgetauscht, aber die Orientierung in einem Slumviertel ist auch für Fred als Einheimischen nicht einfach. Nur die Ruhe bewahren...

Uns empfängt ein freundlicher Mann im grauen Anzug: Innocent, Leiter des Heims, das sich um Straßenkinder bemüht. Beim Gang durch die Räume, in denen wieder hunderte Kinder in Stockbetten untergebracht sind, erfahren wir seine Geschichte: selbst als Kind obdachlos, wurde er von Amerikanern adoptiert und kam als Erwachsener zurück nach Uganda, um mit Hilfe seiner Adoptiveltern die Initiative ›save the street children‹ zu gründen und zu leiten.

Zum einen versucht man hier, Kinder wieder in ihre Familien zu integrieren, zum anderen, ihnen eine berufliche Perspektive zu schaffen. Es gibt eine Schuh- und Schmuckwerkstatt und bald einen Friseursalon. Jetzt ist es noch eine Art Garage, voll gestellt mit alte Friseurstühlen, Spiegeln usw. und dient als Fernsehzimmer.
In einer Art Scheune, die als Bühne und Kirche genutzt wird, zeigen uns die Kinder, dass auch hier Tanz und Musik in Verbindung mit Tradition wichtiger Bestandteil des Programms im Heim sind. Die Kleidung der Tänzer sind Jeans, aber Oberkörper und Gesichter sind traditionell bemalt. Danach spielen wir wieder mit Violine/Kontrabass und Horn und lassen die Kinder unsere Instrumente ausprobieren. Der erste am Horn ist Innocent, der unter großem Gejohle aller Anwesenden sein Talent unter Beweis stellt.

Es ist toll zu sehen, dass viele der Einrichtungen, die sich hier in Kampala um bessere Verhältnisse für die Kinder in Armut bemühen, mit Musik, Tanz und ähnlichen Angeboten, die persönliche Entwicklung fördern. Auch wenn es meist Orte ohne fließend Wasser, ohne gesundes Essen oder genügend Raum sind.
Sehr bewegt von der Armut und den Lebensumständen, die wir an diesem Tag kennen gelernt haben, kommen wir zu den abendlichen Proben in die Musikschule.

01_08_2014

Am 01. August starten wir morgens zur Kitante Primary School. Eigentlich liegt diese gleich gegenüber der Music School an einem Hang, doch es führt von dort weder eine Straße noch ein Fußweg hin. So steigen wir in die Autos und fahren umständlich außen herum. Die Verkehrsführung in Kampala ist meist abenteuerlich und selbst Fußgänger stehen vor einigen Herausforderungen. Wenn es mal so etwas wie einen Gehsteig gibt, brechen immer wieder riesige, gut einen Meter tiefe Löcher auf. Gerade im Dunkeln muss man extrem aufmerksam sein....

Im Lehrerzimmer des ›Headteachers‹ hängt ein gerahmtes Bild von Queen Elizabeth II samt Gatte, als sie 2007 die Schule besuchten. Die Schulbeschreibung weist neben der ›schoolvision‹ auch eine ›schoolmission‹ und ein Motto aus. Alles scheint durchorganisiert.
Draußen schwellen Kinderstimmen an und ein Blick aus dem Fenster zeigt eine riesige, einem Amphitheater ähnliche Anlage, in der ein Lehrer mit Mikrofon die Schüler ordnet. Als wir unsere Ehrengastplätze auf der Bühne eingenommen haben fühlen wir uns in der ungewohnten Situation etwas unwohl. Nach Andacht und Gebet führen auch hier zunächst die Kinder etwas auf, bevor wir an der Reihe sind.

Nachmittags bei den Proben überrascht uns der Hornist des Orchesters stolz mit einem München Shirt. Abends präsentieren wir in einem schul-interen Konzert erstmals einige der erarbeiteten Stücke und sind fast ein bisschen stolz, wie gut sich alle machen....

02_08_2014

Gerade zurück von unserer Sightseeing Tour auf Boda Bodas, müssen wir gleich weiter zur Generalprobe im Park des Sheraton. Die Fahrt auf Mopeds durch den wilden Verkehr hat richtig Spaß gemacht!

Anschließend: Generalprobe für das morgige Konzert! Das Orchester spielt in einem Zelt, aufgestellt im wunderschönen Garten des Sheraton Hotels. Die Bläser sitzen auf dem Bühnenpodest, die Streicher auf dem Rasen davor – und der Flügel steht frisch gestimmt auch auf dem Rasen. Nebenbei werden Künstler-Pässe vorbereitet und die Technik angeschlossen. Es erinnert fast ein bisschen an Klassik am Odeonsplatz...

Allerdings ist das Hotelgelände wie alle Hotels, öffentlichen Gebäude oder Supermärkte von Sicherheitspersonal bewacht. Es ist hier in Kampala völlig normal, dass man z.B. vor dem Betreten eines Supermarkts durchsucht wird.
In einer kurzen Pause der Probe (es war ein Regenschauer) verteilen wir mitgebrachte Tour-Shirts. In die Liste der Städte auf dem Rücken der Shirts malen die ersten Orchestermitglieder gleich UGANDA als Station ....

03_08_2014

Bedeckter Himmel über Kampala. Hoffentlich verregnet es nicht das heutige Konzert nicht. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren und der Konzertablauf ist ehrgeizig: zwischen 12 und 19 Uhr spielen verschiedene Formationen der Kampala Music School. Das Publikum darf es sich auf mitgebrachten Decken und Stühlen des Sheraton-Gartens bequem machen. Wir sind sehr gespannt. Die Frage nach der Konzertkleidung in der gestrigen Probe beantwortete Fred gewohnt humorvoll: ›we are all black – as usual!‹

Das Konzert läuft zum Glück ohne Regen und auch ohne größere Probleme ab. Es ist kurz nach 19 Uhr und wir sind für ugandische Verhältnisse völlig im Zeitplan. Das Publikum lagert auf Decken oder sitzt auf Campingstühlen, Marabus segeln über den Park: eine tolle Atmosphäre!

Alle Mitwirkenden waren sehr aufgeregt und wir spüren schon erste Wehmut, denn es ist unser letzter Abend. Wir haben unsere Musikerkollegen und die vielen Helfer und Organisatoren sehr ins Herz geschlossen und werden sie vermissen. Wenn man bedenkt, welch großen Aufwand hier viele Musiker betreiben, die sich oftmals selbst aus purer Überzeugung selbst klassische Instrumente beigebracht haben, empfindet man großen Respekt! Mit uns zu arbeiten und zu lernen war für viele der erste Kontakt mit professionellen Musikern.

Fred ist heute den ganzen Tag als Cheforganisator im Einsatz, moderiert seit 13 Uhr und dirigiert nun das Orchester. Er ist immer überall und verliert auch bei der zigsten Ablaufänderung nicht die Nerven.

Wir freuen uns, dass wir so toll in Kampala aufgenommen wurden und haben hier aufregende und ergreifende Tage verbracht! DANKE!!!