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17 Wenn sich die Dirigentin zum Publikum dreht, ist das Stück noch nicht zu Ende. Darauf muss man sich einstellen beim 4. Jugendkonzert dieser Saison. Die kanadische Künstlerin Barbara Hannigan wird nicht nur das Orchester dirigieren, sondern übernimmt auch gleichzeitig das Sopransolo in Alban Bergs »Lulu«-Suite. »LULU IST EINE DER MÄCHTIGSTEN OPERNFIGUREN, DIE ES ÜBERHAUPT GIBT.« Es wird wohl ein besonderer Moment, wenn sie sich mitten im Stück umdreht und für wenige Minuten auf dem Podium die Rolle der Lulu verkörpert, eine Figur, die sie sichtlich beeindruckt und bewegt. Als Hannigan im Gespräch von Lulu erzählt, klingt ihre helle Stimme bemerkenswert dunkel, fast ehrfurchtsvoll: »Lulu ist eine der mächtigsten Opernfiguren, die es überhaupt gibt, ich kann das gar nicht anders sagen. Eine kraftvolle Frau, unglaublich charismatisch, mit einem starken Charakter. « Lulu bringt in der gleichnamigen Oper Menschen, die ihr nahe sind, reihenweise um den Verstand und einige sogar ins Grab. In einer Schlüsselszene macht sich Lulu in einem Monolog ihrer Situation bewusst und entschließt sich zu einem radikalen Schritt, der gleichzeitig ihr eigenes Ende bedeutet. Dieses zentrale Stück Musik ist auch im Jugendkonzert zu hören: »Es ist ein ziemlich starker Moment, wenn du dich in der Mitte des Stücks umdrehst und letztlich Lulus Manifest singst, ihre Arie, wo sie darüber nachdenkt, dass sie sich und ihn umbringen muss – und dann erschießt sie ihn.« Hannigan hat dieser kraftvollen Frauengestalt schon auf der Opernbühne ihre Stimme und ihren Körper geliehen und sich buchstäblich in sie hineinversetzt. »Damals hat mich diese Figur nicht mehr losgelassen, nicht nur für 24 Stunden, sondern für einen ganzen Monat und es war danach traurig, von ihr getrennt zu sein. Aber jetzt sind wir wieder zusammen. « Bekannt ist Barbara Hannigan vor allem für ihre Interpretationen von Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Ihr Repertoire umfasst aber nicht allein diesen Zeitraum, denn es spielt keine Rolle wann ein Werk komponiert wurde, ob im Barock, in der Klassik oder erst letzte Woche. Entscheidend ist, dass ein Stück sie nicht mehr loslässt. Das geschieht, wenn Musik sie zugleich emotional, dramatisch und intellektuell anspricht. Nur aus dieser Kombination erwächst der Wille, genau dieses Werk aufzuführen. Faszinierende Momente, aufgeweckte Zuhörer und ein unnötiges Utensil …


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