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4 dem Ballett: ›Wieso mussten diese zwei schönen Menschen ihr Liebesideal mit dem Tod bezahlen? Wie hätte ich gehandelt?‹ Mit der Choreographie zu Prokofjews »Romeo & Julia« gelang John Cranko im Jahr 1962 der Durchbruch. Herr Liška, warum gilt es nach über 50 Jahren noch als eines seiner Meisterwerke? Ivan Liška: John Crankos Wissen um Seelenvorgänge gepaart mit seinem Talent, eben jene durch Tanz auszudrücken, ist tatsächlich seit Generationen eine Quelle der Selbsterkenntnis und des Erfolgs. Crankos analytische Beobachtung, die selbst erfahrene Ausgrenzung, sein Humanismus, sein Humor – diese Werte sind für den Zuschauer jeden Alters unwiderstehlich. Als ob seine Choreographie im Augenblick der Aufführung die Musik Prokofjews entstehen ließe. Selbstverständlich ist es umgekehrt. Obwohl es eine Tragödie ist, ist die Leichtigkeit, die Lust, die beinahe magnetische Wirkung überwältigend. Alle Szenen sind von durchdachter Einfachheit – ähnlich wie bei Shakespeare. Denn Prokofjew übersetzte das Drama genial in seine Sprache der Musik. Und die wiederum evoziert den Tanz. Was ist es, das Tanz und Musik im Ausdruck gemein haben? Ivan Liška: Ihre große Emotionalität – diese Tiefe der Empfindung, das Unbedingte, die Kompromisslosigkeit. Die Musik macht die Menschen größer und vielleicht auch besser. Sie weist ins Spirituelle, in eine bessere Welt, auf einen besseren Menschen. Bettina Wagner-Bergelt: Absolut, und wenn wir ihr lauschen, fühlen wir uns großartig, wichtig, gut. Das kann der Tanz ebenso – und durch seine Körperlichkeit ist er vielleicht einfacher lesbar. In welcher Weise kann der Tanz das Ausdrucksspektrum der Musik erweitern? Ivan Liška: Er kann sie größer machen oder konterkarieren. Aber dafür braucht es wirklich großartige Choreographen, die nicht kolorieren, illustrieren oder eine Doublette der Musik fabrizieren, sondern sie analysieren und dann die Ebenen, die Komplexität, die die Komposition ausmacht, in Bewegung, Ausdruck umsetzen. Cranko war so ein Choreograph. Ivan Liška verlässt zum Herbst das Bayerische Staatsballett nach 18 Jahren. In seiner Zeit als Ballettdirektor trugen zahlreiche Produktionen seine unverwechselbare Handschrift. V. a. liegt ihm der tänzerische Nachwuchs am Herzen. Mit der Gründung einer Junior Company (Bayerisches Staatsballett II) und als Leiter der Heinz-Bosl-Stiftung ebnete er den Weg für kommende Tänzergenerationen. Bettina Wagner-Bergelt hat seit 25 Jahren die künstlerische Leitung des Kinder- und Jugendprogrammes (CAMPUS) des Bayerischen Staatsballetts inne. Im Jahr 2000 machte sie Ivan Liška neben Wolfgang Oberender zudem zu seiner Stellvertreterin.


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