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3 In »Romeo & Julia – ein Educationprojekt« (zu sehen am 12. November um 14 Uhr im Carl-Orff-Saal) dreht sich alles um die idealisierte Liebe, die seit Jahrhunderten das Publikum fasziniert. Sergej Prokofjew gab ihr 1935 mit seiner Ballettmusik eine neue Dimension, John Cranko fügte mit seiner Choreographie eine weitere hinzu. Auch in unserem Educationprojekt, einer Kooperation der Münchner Philharmoniker mit dem CAMPUS Bayerisches Staatsballett, Tanz und Schule e.V. sowie der Heinz- Bosl-Stiftung, spannen wir den Bogen zwischen Tanz und Musik, Laien und Profis, und nähern uns der Thematik von mehreren Seiten. Neben einer Performance von Schülern der Wilhelm-Busch-Realschule wird Ivan Liška, langjähriger Direktor des Bayerischen Staatsballetts, eine Lecture Demonstration geben, in der Jung-Profis ihr Können zeigen. Mit ihm und seiner Stellvertreterin, Bettina Wagner-Bergelt, haben wir über »Romeo und Julia« gesprochen. Können Sie sich noch erinnern, wann Sie zum ersten Mal mit dem Werk in Berührung kamen? Ivan Liška: Ja, sehr genau: Als Tanzeleve des Nationaltheaters in Prag – ich war elf Jahre alt – sollte ich 1962 als Page auf einen Wink des Paris hin den Brautschleier in Julias Schlafzimmer bringen. Ich sog zwar die Geschichte in mich ein, es war jedoch die Musik, die mich faszinierte! Sie irritierte mich erst, eigentlich gefiel sie mir nicht, zu atonal. Und – wie erfüllt ist später mein Tänzerleben eben durch die Interpretation des Romeo, des Capulet, des Pater Lorenzo geworden! Als Ballettdirektor muss man über die stete Wirkung dieses Balletts staunen und sich auf neue Interpreten mit dem Publikum freuen! Bettina Wagner-Bergelt: Es war das erste Ballett, das ich überhaupt in meinem Leben sah, etwa zwei Jahre bevor ich als Dramaturgin ans Bayerische Staatsballett ging, also 1988, im Nationaltheater. Inzwischen habe ich viele Solistinnen in der Rolle gesehen, ich liebe das Werk und finde Crankos Version einfach die musikalischste und anrührendste von allen. Über die Jahrhunderte hat es nicht an Wirkung verloren – wieso ist das Stück noch immer aktuell? Bettina Wagner-Bergelt: Weil diese unbedingte, absolute Liebe, so furchtbar sie endet, uns beeindruckt. Vielleicht sind wir sogar ein bisschen neidisch und würden auch gern eine solche Liebe erleben, ohne dieses Ende. Ich sehe es ohnehin im übertragenen Sinn – es ist ein radikaler Schluss, der sagt, wenn du jemanden liebst, dann ganz und gar. So stellen wir uns doch die Liebe vor – eigentlich jedes Mal, wenn wir uns verlieben. Es beeindruckt uns auf eine bestimmte Weise, diese Kompromisslosigkeit. Aber Shakespeare/Cranko zeigen v. a. auch die Unbarmherzigkeit von Macht und Politik, die diesen Liebenden keine Wahl lässt. Durch Julias Konventionsbruch, den ihr vorbestimmten Bräutigam nicht heiraten zu wollen, sondern den geliebten Feind, sind so viele Menschen in beiden Familien zu Tode gekommen, dass sie in der Gruft erkennt: ›Ich kann nicht mehr zurück, es gibt keinen Weg mehr für mich zurück in die Gesellschaft. Zu vieles ist wegen mir, oder ausgelöst durch mich, geschehen.‹ Ihr bleibt nur der Tod... Ivan Liška: ...ja, denn jeder verliebte junge Mensch will seine Liebe kompromisslos leben. Die Wirklichkeit, die Gesellschaft mit ihren religiösen, politischen, gesellschaftlichen Zwängen hat schon seit Romeo und Julias Zeiten anderen, bisweilen eben tragischen Ausgang herbeigeführt. Die Katharsis dieses Dramas lässt uns nicht unberührt. Und uns wurde Romeo und Julias Schicksal erspart! Wir fragen uns beeindruckt von


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