Page 5

SPIELFELD 8

3 In München überfriert der Schneematsch. Jeder Schritt durch die Fußgängerzone knirscht unter den Stiefeln. Der Weg zum heutigen Probenraum führt in den fünften Stock eines unscheinbaren Hauses. Dort öffnet sich ein heller, halbrunder Raum. An der Wand lehnen aufgeklappt neun Geigenkoffer. In der Raummitte haben die zweiten Geigen des ODEON Platz genommen. Zwei Jungs, sieben Mädels sitzen im Halbkreis. Es ist kurz vor 19 Uhr. Alle sind pünktlich, spielen sich ein. Wenn Musik, wie es heißt, »organisierter Klang« ist, dann muss das jetzt noch so etwas wie Chaosforschung sein: ein großes Durcheinander aus Zirpen, Fideln, Sirren und Zupfen, nur ab und zu ein paar Wortfetzen. Jäh ist es still, als Céline Vaudé den Raum betritt. Sie ist Geigerin bei den Münchner Philharmonikern und leitet heute Abend die Stimmprobe. Die Stille löst sich in Kichern auf, jeder war überrascht, dass die anderen genau gleich reagiert haben. Céline setzt sich zur Gruppe. Es ist buchstäblich eine Probe auf Augenhöhe zwischen Patenorchester und Paten. Mit der »Festlichen Ouvertüre« von Dmitrij Schostakowitsch geht es los. Die vollgriffige Stelle zu Beginn ist rasch genommen, aber an der folgenden Begleitfigur sieht Céline Verbesserungsbedarf: »Spielt das nicht so tapsig wie ein Bär. Mehr Pfeffer, mehr... nervös!« Dann demonstriert sie auf ihrer Geige kurz, was sie meint. Immer dieselbe Tonhöhe, ein einfacher Rhythmus, das kann schnell nach Begleitautomatik klingen. Aber Céline gestaltet Note für Note. Der Bogen pulsiert, die andere Hand wogt auf dem Griffbrett, erzeugt ein Vibrato. Die jungen Musikerinnen und Musiker fokussieren sie. »Eins, zwei« zählt Céline ein und die neun Geigen legen los. Es klingt viel voller, sonorer, zugleich auch etwas bedrohlich. TONARTSURFEN MIT DMITRIJ In einem Probenraum in Giesing treffen sich die Blechbläser zur Satzprobe: 2 Trompeten, 4 Hörner, 4 Posaunen und eine Tuba. Eine Soundmacht. Die Probe läuft anders als bei den Geigen, wo alle denselben Part spielen. Hier hat fast jeder seine eigenen Noten vor sich. Was kann man in so einer Probe lernen? »Für das Zusammenspiel im Orchester braucht man ›Riesenohren‹«, meint Quirin Willert, Posaunist der Münchner Philharmoniker. »Man muss die Fixierung auf die eigene Stimme aufbrechen, mit den Spielern um sich herum eine Einheit werden.« Das fange bei der Intonation an, Artikulation, Atmung, Dynamik, alles spiele mit hinein. »Letztlich ist das Ziel, eine große Kammermusik mit allen zu machen.« Mit den Blechbläsern des ODEON trainiert er genau diese Aspekte. »Jetzt mal nur Luft und Ziehen«, fordert er die Posaunisten auf. Die halten ihre Instrumente nun zwei fingerbreit vom Mund entfernt, bewegen aber die Züge ihrer Posaunen und pusten, als würden sie tatsächlich spielen. »Da muss mehr Luft dahinter sein«, wirft Quirin ein. Das klingt zugegeben etwas seltsam, wie ein Rudel fauchender Schnellkochtöpfe. Doch sind Beginn und Dauer des Luftstroms deutlich hörbar, synchronisieren sich. »Jetzt nochmal mit Instrument« – ein strahlend homogener Klang jagt durch den Raum. Nicht immer klappt das so auf Anhieb. Je mehr Beteiligte, desto schwieriger wird es, eine klangliche Einheit zu bilden. Quirin dirigiert, lässt die Hände sprechen, singt bei Bedarf die Artikulation mit. Die Stimmung in der Gruppe wirkt noch etwas gelöster als bei den Geigen. Wird gerade nicht gespielt, kommen lockere Sprüche von Trompeten und Hörnern. Wer über die Schwierigkeiten seines Parts referiert, muss sich auf


SPIELFELD 8
To see the actual publication please follow the link above