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25 chen mit Hilfe dieser Instrumentalpädagogik kam. »Sich blind verstehen« – das weiß ich seither – ist jedenfalls das höchste Kompliment, das man Musikern machen kann. Dass der Hörsinn derart massiv den Sehsinn aussticht, bleibt aber die Ausnahme. Was wäre eine mitreißende Interpretation ohne die Vergewisserung der Interpreten durch Blicke zum Mitspieler oder zum Dirigenten? Was wäre das Faszinosum eines Jazzkonzerts ohne die packende Performance des virtuosen Solisten? Was wäre Neue Musik ohne überperformative Konzepte? Macht nicht das Zusehen ein Konzert erst zum Erlebnis? Das spätere Hören der vor Begeisterung im Anschluss erworbenen CD lässt oft nur einen schalen Nachgeschmack des ursprünglichen Konzerterlebnisses zurück. Abgesehen von den gefährlichen James Bond-Sekundschritten, dem Thrill von Klaus Doldingers Tatort-Motiv oder dem schweren Blech des Leitmotivs von Darth Vader – wann konnten Sie zuletzt ein Filmmusik Motiv nachpfeifen oder summen? Die wirkungsvollste Filmmusik ist sicherlich die, die man nicht bewusst wahrnimmt. Im Kino dient der Hörsinn dem Sehsinn devot. Im Guckkasten erleben wir ein bewusstloses Hören – den Gegensatz dazu stellt der moderne Konzertsaal dar, denn hier heißt es: Hören will gelernt sein. Mit der Musik änderten sich auch die Hörgewohnheiten. Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein waren Oper und Konzert ein Ort des politischen, religiösen und sozialen Stadtgesprächs. Im Konzertsaal, in der Oper oder bei Festspielen traf man sich nicht nur, um zuzuhören, sondern um sich als Gleichgesinnte zu feiern und selbst zu vergewissern. Man traf sich, um gemeinsam zu essen, zu trinken, einander kennenzulernen – ja auch das eine oder andere Geschäft wurde in der Loge eingefädelt. Das Aufkommen absoluter Musik im 19. Jahrhundert forderte vom Zuhörer dagegen die absolute Aufmerksamkeit. In der bürgerlichen Konzerthausarchitektur und im Konzertritual manifestiert sich das Hörverhalten von heute: 90 Minuten Musik mit ständigem Blick auf die Akteure auf der Bühne. Sensationell wirkt es deshalb, wenn einer wie der österreichische Komponist Georg Friedrich Haas das Licht im Konzertsaal, ja sogar bei den Pulten der Musiker einfach mal ausknipst und uns mit dem reinen Hören konfrontiert. Ein starkes Erlebnis! Musiktage Haus Buchenried Vom Hören und Sehen 19.-21. Mai 2017 Klang verändert die Situation – die Situation verändert den Klang. Eine musikalische Fährtensuche mit ausgewählten Gästen. Eine Kooperation der Münchner Volkshochschule mit Spielfeld Klassik und dem Kulturreferat der LH München. Das detaillierte Programm finden Sie unter spielfeld-klassik.de.


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