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SPIELFELD 5

25 Denken: in das Denken des Musikers, in seine Wahrnehmung dessen, was geschieht, was klingt. Wie soll das gehen? So, dass ich beim Spielen, beim Musizieren mein Denken öffne, dass ich es dem Hörer ermögliche, mit mir mitzudenken? Wenn er weiß, was ich bei dieser Stelle denke, wird er dann das, was er hört, ähnlich hören und erleben wie ich? Dies war meine Überlegung und es klingt nun, zwei Symposien später, etwas naiv und harmlos. Aber es war doch der richtige Ansatzpunkt – wenn ich es auch heute sehr anders formulieren würde. Denn: Was denke ich, was denkt der Musiker tatsächlich beim Spielen? Und was für ein Denken ist es denn überhaupt? »ICH WILL DAS PUBLIKUM MIT HINEINNEHMEN IN MEIN DENKEN« Aber immerhin entstand aus dieser Überlegung die »kommentierte Probe« und sie wurde zum Kern dieser dreieinhalb Tage, die Hörer, Dozenten und Musiker gemeinsam und rund um die Uhr in Buchenried verbringen. In dieser »kommentierten Probe « ist es, als würde der Musiker seinen Kopf aufklappen und er sagt laut, was er gerade denkt – in rückhaltloser Offenheit. Das ist keine Kleinigkeit, denn geübt wird üblicherweise in sicherer Hördistanz zum möglichen Publikum, es ist der intimste Akt des Musizierens, es ist das einsame Privatissum des Musikers. So spürt jeder sofort das Vertrauen, das sich in einer solchen Öffnung mitteilt und das beantwortet sein will. Es entsteht damit ein dichtes und intensives Nahe-Sein von Hörendem und Spielendem: Aber ein Nahe-Sein weniger der Personen als das gemeinsame Nahe-Sein an nichts weniger als dem Entstehen von Musik im Ringen um sie, im Suchen und Finden, im Gelingen und Misslingen. Gunter Pretzel


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